Insel & Meer
Zwischen Wind, Salz & Wasser
Alberto ist ein 94jähriger Freund, der mich 34jährige bat, ihn eine Woche auf seine französische Insel zu begleiten, wo er mit seiner Familie in den 60ern ein Haus baute. Von dieser komme ich soeben zurück und sage dir:
Ich könnte Bände schreiben über meine Geschichte mit Alberto. Wo fängt man da an, wenn es kein Anfang und Ende gibt? Denn wo wir uns begegnen, das ist Zeit- und Raumlos, es kennt keine Form, sondern nur Wesensessenz: Verstand und Wesen unterhalten sich abwechselnd, je nachdem, wer grad sprechen möchte. Diese bedingungslose Akzeptanz, nein, Annahme, nein Liebe habe ich so noch nicht erfahren. Alberto hat wirklich alles in mir erfühlen können und mich immer gezielt darauf angesprochen. Er wusste genau, an welchem Punkt ich in meinem Leben stehe, hat meine souveräne Seite in meinem Heilwirken für Menschen gesehen, die Künstlerin auf der Bühne und das Kind in mir, welches ein besonders heilsamer Moment für mich war, denn:
Das Kind in mir hat sich immer versteckt, da es nie als „Frau genug“ von einem Mann anerkannt wurde. Ich lebe schon seit längerem allein und wuppe alles mit Bravour, Verlässlichkeit und Freude, doch dahinter ist oft ein trauriges ungesehenes Kind, um das ich mich liebevoll kümmere, doch das sich nicht anderen zeigen möchte, um nicht schwach zu wirken. Kennst du das?
Dieses Kind hat sich bemerkbar gemacht, geweint, gesprochen was es traurig macht und Alberto saß strahlend vor mir und lachte mich an: „Dass ich DAS nochmal erleben darf, du bist wunderschön, ich danke dir!“ Es fühlte sich gleichzeitig ertappt, verwirrt und gesehen, da es nun endlich einfach mal da sein durfte, ohne bewertet oder verurteilt zu werden, und ohne dass es etwas erfüllen musste oder etwas im Gegenüber angetriggert wurde. Da saß mir in dem alten Monsieur einfach liebende Präsenz gegenüber.
Wir flossen einfach, wir flossen mit unseren inneren Gefühlen, Impulsen,
intutiven Erkenntnissen, Witzen, lachten, Scherze machen, Ausflügen und vor allem Gesprächen, die ohne Ende wie ein Fluss seine Wege in die Nacht bahnten.
Lange Abendessen, die wir füreinander kochten, ja, Alberto hat auch gekocht, sowie total fit einiges mitgeholfen, was ich nie von ihm erwartet hätte. Wenn ich morgens aus meinem Zimmer kam, hatte er im Kamin schon Feuer gemacht, ich frage mich immer noch wie er das Holz dafür geholt hatte. Ich war jeden Tag aufs neue erstaunt, was er alles (mit 94!) noch schafft: „Ich will unabhängig sein und bleiben!“ Wo ein Wille ist, ist auch ein Weg, das zeigt mir Alberto ständig. So muss sein Körper einfach mitmachen, ob er will oder nicht. Er macht halt zwischendurch dann mal Siesta.
Es ist alles so einfach mit ihm gewesen, im ständigen gegenseitigen Einvernehmen und Annehmen aller Vorschläge, die wir so für unsere Wochengestaltung hatten. Gleicher Schlafrhythmus, gleicher Essensrhythmus und Hunger. Wir waren so auf einer Welle, dass ich sein Alter oft vergaß: Ich habe manchmal vergessen, dass er ja eigentlich einen Rollator hat und gar nicht mehr so schnell zu Fuß ist, erst als ich ihn wieder ansah erinnerte ich mich und wir mussten lachen. Als er dann am Strand mit mir saß war er grundverändert, als wäre er 20 Jahre jünger lief er über einen Haufen Steine, um nochmal im Strand spazieren zu können: „Da bin ich früher drübergehüpft!“ Was er sich vornimmt, macht er einfach, und bei seinen Zukunftsplanungen ist kein Ende in Sicht: „Es ist so viel zu tun“, Alberto ist an vielen Projekten beteiligt und möchte noch einige Reisen unternehmen. Er kann überall schlafen und ist einfach zu allen Menschen unfassbar freundlich.
Seine Tiefenentspannung mit dem Leben hat mich am Anfang unserer Begegnung noch viel meine Ängste aufgezeigt, die alle noch in mir schlummerten, doch die Woche war so vielschichtig heilsam für uns beide:
Es war, als würde das Schlachtfeld meines Herzens, was im Laufe meines Lebens entstanden war, langsam und sicher geflickt worden, einfach weil er mich so voll und ganzheitlich gesehen hat und jedem Anteil Liebe schenkte. So konnte auch ich die Schönheit in mir noch stärker erkennen und mich in mein Wesen entfalten. Die Weite des Meeres tat ihren Rest: Die Luft, das Haus direkt hinter der Düne, der Leuchtturm und die grenzenlosen Sterne bei Nacht sowie das Meeresrauschen und die Sonne am Tage und ihre Farben beim Aufgehen waren so pure HeiLICHTkeit, dass ich so so so gut schlief und so so so fit aufwachte.
Wir sind wahrhaftig füreinander da und wollen uns einfach geben, was wir haben und können, ohne Erwartungen aneinander. Das ist der Zauber der Generationen, die einander so viel zu schenken haben, wenn wir uns doch einfach mal einen Moment wahrhaftige Zeit schenken: Wahrhaftiges Interesse, Zuhören ohne Ermüden, sich zu offenbaren ohne Angst, das Alter vergessen und sich als unendliche Wesenheiten treffen, um zu schauen, was man für Geschenke füreinander hat.
Alberto hat mir auf so vielen Daseinsebenen weiter geholfen, hat mir beim Weinen meine Hand gehalten, wird mich übrigens mit in meine nächste Krankenhausuntersuchung begleiten, hat mit mir in meine berufliche und private Zukunft gesponnen.
Ich durfte seine Beine durch Massagen behandeln, ihn jung fühlen lassen, und seinen Raum halten, als er mal traurig war: Das ist nur einmal geschehen, denn er ist ein unfassbar glücklicher Mensch, der sein Leben sehr positiv nimmt, eben als Geschenk. Doch ging der Moment sehr tief, an dem er eine CD anmachte, die er immer mit seiner Tochter hörte, wenn sie gemeinsam auf der Insel waren:
Er wurde traurig und wehmütig, dass er das nicht mehr mit ihr erleben würde, dass dieser Abschied in dieser „Menschenkörper-Konstellation“ für immer sein würde. Nicht nur von dem Haus, sondern auch all die schönen Momente, die er dort mit ihr hatte. Das ist in Worten kaum zu beschreiben, wie es sich anfühlte, als er dies durchlebte. Es ließ mich spüren, wie es wohl am Lebensende sein muss, wenn man den kompletten Abschied von dieser Welt und diesem Leben machen muss, insbesondere von den schönen Momenten. Jedoch glaube ich, dass erst, wenn wir bereit sind, und diesen Abschied voll durchlebt haben, wir gehen werden, sofern es auf natürlichen Wege geht (ohne Krankheiten, Tabletten und co), und unser Körper uns bis dorthin noch so lang trägt, wie er kann. Dessen bin ich mir gewiss. So sah ich auch mein Lebensende in einer Wahrnehmung und war mir gewiss, dass es schön sein wird, ein nach Hause kommen.
Doch jetzt ist es noch lange nicht soweit, weder mit Alberto noch mit mir,
denn wir haben noch einiges vor!
Ich durfte einige Muschelschätze vom Strand mitnehmen. Es war ein Detox, digital und kopflich:
Kein Wlan und kaum Empfang; da habe ich die ersten Tage schon oft das Handy vermisst, aber auch gar nicht gebraucht, weil es so interessant mit Alberto war. Jetzt bin ich froh, es nur noch zu nutzen, wenn ich es brauche.
Auch gedanklich hat es viel mit mir gemacht: Vor der Reise hatte ich noch viele Ängste in mir, in der ersten Nacht viele Verarbeitungsträume, doch das beruhigte sich mit den Stunden alles immer mehr. Pure Erholung. Als ich dann zum Abschied nehmen vor dem regenwindischem Meer stand, weinte auch ich, und öffnete meine Arme gen Horizont. Die pure Kraft von Gaia und ihren Elementen umspülte mich.
Ich würde sie vermissen, so sehr weinte ich bis ich zu Hause war, dort tränenbedeckt in den Spiegel blickte und meine Augen sah: Klar, rein, präsent, das waren MEINE Tränen, nicht die meines Kindes. Wie wundervoll tief meine Beziehung zum Meer ist, kann ich auch hier nicht beschreiben. Es holt mich immer in meine Kraft, Klarheit, Reinheit, Präsenz, Liebe. Doch war es wohl diesmal das Gesamterlebnis, das dies in mir vollbrachte.
Möge ich diese Energie halten und so lang und weit in mir ausdehnen, sodass sie zum Selbstläufer wird und kein zurück mehr kennt!
PS:
Oft fiel das Wort „Einsamkeit“, ja das altern macht einsam. Geliebte Freunde sterben, Schicksalsschläge und Krankheiten ereilen einen, und siehe da: Schon stehst du allein auf der Erde und hast kaum noch jemanden um dich herum. „Ein Segen ist es, nicht ewig zu leben“, sagt Alberto. So hat sich seine Insel auch verändert: Es ist keine Insel mehr, auf der der Strand lebt vor Muscheln, Fischen und Vögeln und das Haus allein hinter den Dünen im Sand steht; Zivilisation überall, zwar hübsch, kleine niedrige Dächer, schön, doch ich weiß genau was er meinte. Es ist eben keine Insel mehr. Obwohl er einer der ersten dort war, fühlt er sich dort als Außenseiter: „Alle die ich hier kannte, sind entweder verstorben oder weggezogen, zu dein neuen Nachbarn habe ich keinen Kontakt, so fühle ich mich nicht mehr so wohl, wie früher.“
Über die Franzosen allgemein kann ich allerdings folgendes sagen: Sie sind lebendig. Sie sind immer offen für ein Gespräch und nehmen sich die Zeit, sich auszutauschen, ob an der Theke, Kasse oder auf der Straße. Es ist menschlich, es ist laut und durcheinander, es ist gediegen. Mir hat der Flair gut gefallen.
Was ich abschließend zu Alberto und mir sagen möchte:
Den Ernst des Lebens gab es irgendwie gar nicht mehr, weil es alles so vollkommen und ganz war. Weil alles dazu gehörte und im stillen, friedlichen Lächeln seinen Ausdruck fand. Eine Pause von allem was sonst auf uns einströmt. Eine Begegnung in der echten Welt. Ohne Regeln und ohne Wille, einfach im Sein.

Danke für die wunderbaren Anblicke in die herrliche Zeit, die ihr gemeinsam verbringen durftet. Es fühlt sich für mich an, wie dabei sein. . Ich freue mich sehr für euch. ❤️ Vieles hat mich sehr berührt, besonders das „es nun endlich einfach mal da sein durfte, ohne bewertet oder verurteilt zu werden, und ohne dass es etwas erfüllen musste oder etwas im Gegenüber angetriggert wurde“.
Ich wünsche mir auch einmal jemanden zu treffen, mit dem/der ich das erfahren darf.
Danke liebe Nuria